Me, myself and I and the Buddha.
Thailand,  Mindful Living

7 Tage Unplugged: Schweigeretreat auf der Partyinsel

Das ist mehr als nur ein Social Media Detox: 7 Tage kein Anschluss unter irgendeiner Nummer. Smartphones abgeben, Computer für eine Woche runterfahren, Bücher zur Seite legen, Musik ausmachen und in die Stille gehen. Schweigen und Meditieren so wie es die Mönche in Thailand schon jahrundertelang machen. 7 Tage lang die Klappe zu halten, ist dabei nicht einmal die größte Herausforderung – mit wenig Input von außen, wird’s im Innen ganz schön laut. Mann oh Mann, was da los ist! Report von einer langen Reise ohne Kilometer.

Es ist 10:30 Uhr, Anfang Dezember in Südthailand. Ich sitze mit geschlossenen Augen, verschränkten Beinen und geradem Rücken auf einer dünnen quadratischen Bodenmatte und beobachte milde interessiert, was Körper und Geist so zu bieten haben.

Best of Auswandererleben

Leben auf der Insel.Am ersten Tag sind es fast nur Erinnerungen, die sich breitmachen: Frühmorgens mit dem Moped am Strand entlang zur Arbeit im Yogacenter düsen. Sand, Sonne, Palmen satt. Erinnern, Erinnern. Das brütende Huhn hoch oben auf dem WiFi-Router außen am Haus in Koh Phangan. Erinnern, Erinnern. Der Moment, als ich auf Visa Run bemerkte, dass jemand mein Portemonnaie samt Kreditkarte gestohlen hatte. Ärger, Ärger. Mit dem Fahrrad auf den Hauptstraßen im brütendheißen Penang in Malaysia. Freude, Freude. Völlig stur auf Abwegen alleine im Dschungel von Koh Phangan. Jetzt muss ich fett grinsen.

Wie Blitzlichter sendet mein Gehirn die „Best of“ meines Auswandererlebens der vergangenen 9 Jahre durch den Orbit. Sensationelle Unterhaltung! HD-Qualität, volle Farbe, volles Wohlgefühl. Stundenlang. Es ist der erste Tag eines 7-tägigen Meditationsretreates in meiner alten Heimat Koh Phangan. „Was auch immer in Euch aufsteigt: Nehmt es zur Kenntnis, versteht auf der tiefsten Ebene, um was es sich handelt und lasst es los.“ Das ist die Kernanweisung unseres Lehrers Anthony Markwell für die non-stop Meditation in Theravada buddhistischer Tradition. „Noting – Knowing – Letting go.“

Geistesgegenwart üben

Meditation ist nichts anderes als eine praktische Übung zur Konzentration des Verstandes, ein Training von Geistesgegenwart und wertneutraler Beobachtung von allem, was so passiert. Es ist eine Praxis, der die buddhistischen Mönche und auch buddhistische Laien in Thailand, Burma und einigen umliegenden Ländern Südostasiens tagein und tagaus nachgehen.

14 Mitstreiter aus aller Welt sitzen neben und hinter mir in dem gerade neu eröffneten Meditationscenter „Indriya“. Hier sollen ab sofort auch Ausländer die Möglichkeit haben, durch Erläuterungen in gutem Englisch die Erkenntnisse des Buddha in eigener Praxis nachvollziehen zu können. Der australische Gründer Anthony war selbst 11 Jahre als Mönch in Thailand und Burma ordiniert und beschreibt die fundamentalen Zusammenhänge kenntnisreich und verständlich wie nur wenige Westler.

Atmen schon ab 4:30 Uhr in der Frühe

Brand new meditation hall on Koh Phangan.Wie die Mönche beginnen wir um 4:30 Uhr morgens mit der ersten Sitzung. 45 Minuten dem Atem folgen als Anker im Hier und Jetzt. Und was ansonsten als Ablenkung aufsteigt – Geräusche, Gerüche oder andere Empfindungen – wird wertfrei zur Kenntnis genommen und mit einem Wort kurz beschrieben. Riechen, Riechen. Oder Hören, Hören. Oder Pulsieren, Pulsieren. „Alle Sinneseindrücke, Gefühle und Gedanken gehören zur Existenz des Menschen dazu. Sie sind ganz natürlich“, betont Anthony. „Und wenn Ihr es schafft, sie einfach nur als Rohdaten wahrzunehmen, ohne Zuneigung oder Abneigung damit zu verbinden, dann seid Ihr frei.“

Es stimmt! Als ich an einem der nächsten Tage um 4 Uhr morgens mit viel Widerstand in die kalte Dusche steige, hat sich die feste Verdrahtung von Ereignis und Bewertung für einen Moment gelöst: Die Sinneserfahrung der Kühle und Frische steht frei im Raum, ohne dass die Person in mir eine Geschichte dazu strickt à la: „Das ist viel zu kalt! Warum haben die hier in diesem Bungalow denn um Himmels willen kein warmes Wasser? Überall gibt es mittlerweile Durchlauferhitzer. Nur hier nicht.“ Meckern, Meckern. Unzufriedenheit, die je nach Temperament leicht in Selbstkritik („Warum bin ich nur so ein Weichei?“) oder Aversion („Diese Hütte ist viel zu teuer für das Geld! Ich muss mich beschweren!“) umschlagen kann.

Frei von Wertung und Erwartung

Der Moment der Freiheit ohne das ständige Lamento im Kopf war kurz, aber hinterlässt einen tiefen Eindruck. Und es ist offenbar dasselbe mit allen emotionalen Zuständen und Gedankengebäuden, Fantasien, Tagträumen und Memoriabilien! Wenn der Geist sich nicht dran aufhängt, sondern sie ganz grundlegend als flüchtige Phänomene versteht, verlieren sie ihren Sog und ihre Kraft. Schnell kommt die Aufmerksamkeit zurück zum Atem, zurück ins Hier und Jetzt. Der Geist bleibt wach und rege, verliert sich nicht in dumpfen „Stories und Worries“ und betrübt sich nicht.

„Vipassana“, fundamentale, zutiefst nachvollziehbare Einsicht in die wahre Natur der Dinge, ist im Erfolgsfall der Lohn der Bemühungen eines solchen intensiven Retreats. „Vipassana-Meditation“ ist daher der Name der Praxis. Ein ur-buddhistischer Weg zur Erkenntnis. Kollateral kann es außerdem zu geistiger Klarheit und Gelassenheit, Lebensfreude und beständiger Zufriedenheit kommen. Für Risiken und Nebenwirkungen konsultieren Sie bitte die buddhistischen Schriften oder ihren örtlichen Meditationslehrer.

Weise Aufmerksamkeit

Me, myself and I and the Buddha.„Mein Knie tut weh. Und der obere Rücken ist total verspannt. Das ist doch bestimmt nicht gesund! Am Ende habe ich die Knie kaputt und kann nicht mehr wandern gehen. Von was soll ich denn dann leben? Vom hier rumsitzen bestimmt nicht!“ Sorge, Sorge. Anthony rät zur „weisen Aufmerksamkeit“. Natürlich geht es nicht um Unterdrückung oder Verdrängung. Es geht darum, Raum zu gewinnen um die Ereignisse in unserem Leben. Statt schnell und unüberlegt zu reagieren und zurückzuschießen, bedacht und aufmerksam durchs Leben zu gehen.

Nach der ersten Glocke um 5:15 Uhr stimmen wir unsere Reverenz für Buddha an. Prinz Gautama aus Nordindien hat vor mehr als 2500 Jahren die grundlegenden Zusammenhänge des Lebens erkannt und gilt seither als erleuchtet. Will heißen: Er konnte ab da alle Dinge im rechten Licht sehen, ohne es persönlich zu nehmen. Er war nicht mehr angetrieben von den Meinungen und Prägungen seiner Kindheit und Kultur oder von den Ängsten und Sorgen in Bezug auf seine Zukunft. Seit dem 20. Jahrhundert würde man sagen: Er ist aus der Matrix aufgewacht und sieht die Welt, wie sie wirklich ist.

Kein Essen nach 12 Uhr

Wir machen weiter mit 45 Minuten Verstandes-Training im peinlich langsamen Gehen. Jede Positionsänderung wird genau erspürt und mitverfolgt. Ich bin ganz Fuß! Die Bewegung und die damit verbundenen Körper-Empfindungen werden nun statt des Atems zum Anker im Hier und Jetzt. Die Übung bringt etwas Abwechslung in die Meditationsroutine und eignet sich vor allem für Leute, die im Sitzen stark mit Müdigkeit zu kämpfen haben.

Anschließend nochmal 45 Minuten sitzen. Um 7 Uhr gibt es Frühstück. Es ist die erste von nur zwei Mahlzeiten am Tag. Mönche und Nonnen der Theravada-Schule essen nicht mehr nach 12 Uhr mittags. Es hilft, das Verlangen nach immer noch mehr Essen oder noch besserem Essen, nach noch mehr Abwechslung und Sinneserfahrungen in der Zeit des Trainings etwas zu regulieren. Nun denn.

Auch sonst ist der Input an den 7 Tagen stark reduziert: Bei der Anmeldung geben alle ihre Smartphones und Computer ab. Auch Lesen und Schreiben wird nicht empfohlen. Alle Kommunikation wird eingestellt. In einer intensiven Zeit des Trainings geloben die Teilnehmer „Mauna“, die traditionelle noble Stille, einzuhalten. Niemand spricht – außer im Notfall. Small Talk, Pläne, Erinnerungen, Meinungen oder auch die Erfahrungen und Einsichten während der Meditation sind kein Notfall.

Reduziert auf das Wesentliche

Tropischer Obstgarten vor dem Fenster. Reduziert auf das eigene Wesen in der Tat. Wahrlich nicht immer leicht, sich dem zu stellen, was an Selbstgespräch und Urteilen im Laufe eines solchen stillen Tages vorbeikommt. Habe ich das wirklich gerade gedacht? Das war doch arrogant! Ich dachte immer, ich leider unter einem Minderwertigkeitskomplex, dem „Nie-gut-genug“-Syndrom des Perfektionisten. Wow, und das war gerade richtig gehässig. Kritik, Kritik. Aversion, Aversion.

Dunkel, dunkel, was aus dem Unterbewusstsein ans Licht kommen kann, wenn Stimulation und Ablenkung wegfallen. Aber dann auch das wieder nur Natur – Rohmaterial dessen Bewertung aus der kulturellen Prägung resultiert.

Unendlich viel Selbstgespräch dreht sich um die Rechtfertigung des eigenen Seins: Warum ich das gemacht und gesagt habe, und wem ich es wann und wie nochmal ganz genau erläutern muss. Dringend! Phantom-Dialoge im Kopf abwechselnd mit Erledigungslisten, Zukunftsängsten, Plänen, Träumereien, massiven Selbstzweifeln und Allmachtsphantasien. Mann, kostet das Energie und Aufmerksamkeit! Kein Wunder, dass ich im Alltag oft nix mitkriege von dem, was direkt vor mir passiert!

Kern der buddhistischen Lehre

Der zweite Praxisblock des Tages beginnt um 8:30 Uhr mit einem so genannten „Dhamma-Talk“. Einer Mischung aus akribischen technischen Instruktionen und dem Referat der ur-buddhistischen Lehre. Das, worum es Gautama wirklich ging. Nicht das, was in 2.600 Jahren in den verschiedensten Ländern im Alltag daraus geworden ist. Denn in der Tat hat auch hierzulande das Brauchtum der „Buddhisten“ ungefähr soviel zu tun hat mit den Lehren des Buddha wie der Osterhase oder der Weihnachtsbaum mit der Bergpredigt von Jesus Christus. Und hier wie dort hat das Bodenpersonal so seine Macken. Aber das ist ein anderes Thema.

Im Retreat geht es allein um die zentralen Einsichten und Empfehlungen des Buddha. Das was er rund 50 Jahre lang denen weitergegeben hat, die Befreiung suchten. Er hat nicht missioniert und er war Mensch bis zum Ende – kein Gott, kein Avatar und auch nicht Gottes Sohn. Er wird als weiser Lehrer angesehen und verehrt, und funktioniert auch nicht als Zielscheibe fürs Beten, Wünschen und Orakeln.   

Sinnes-Sensationen

Noch 45 Minuten Gehmeditation mit höchster Präsenz und penibler Konzentration, dann nahtloser Übergang in 45 Minuten Sitzen. Mittagessen um kurz nach 11 Uhr. „Nutzt auch die formalen Pausen als Training“, ermuntert uns Anthony immer wieder. „Geht mit erhöhter Aufmerksamkeit durch den ganzen Tag. Verfolgt mit Bewusstsein, was ihr esst, lasst die Sinneseindrücke so stehen wie sie sind und nehmt zur Kenntnis, welche Geschichten, Glaubenssätze und Meinungen Euer Verstand als Ablenkung aufbietet.“

Essen mit trainierter Aufmerksamkeit ist eine Sensation. Unglaublich, was man alles wahrnehmen kann, wenn man wirklich voll und ganz bei der Sache ist! Die Textur des Essens, der Geschmack… Wer hätte gedacht, dass ein buddhistischer Retreat eine deart sinnliche Erfahrung sein würde? Auch die Farben der Umgebung gewinnen an Intensität. Alles sieht aus wie frisch gewaschen. Wie als wäre ein Schleier verschwunden. Freude, Freude.

Aber was soll der Scheiß?

Der Nachmittag bietet ab 13 Uhr ein 4-stündiges Programm-Sandwich von Sitzen – Gehen – Dhamma Talk – Gehen und Sitzen. Kurz vor dem Referat ist mein Geist nur noch träge. Die Wahrnehmung nicht besonders scharf. Immer wieder schweift die Aufmerksamkeit ab. Verliert sich in Geschichten und Projektionen. „Was soll der Scheiß? Bringt doch eh nix. Hab das doch noch nie wirklich gut hingekriegt mit der Meditation. Zeitverschwendung.“ Abneigung, Abneigung. Frustration, Frustration.

Im Dhamma Talk stellt Anthony die größten Hindernisse und Blockaden für Geistesgegenwart vor. Das ist in meiner Übersetzung die Liste des Buddha: Wünschen und Wollen / Abneigung, Unzufriedenheit und Aggression / Müdigkeit, Trägheit und Faulheit / Sorge und Unruhe / Unsicherheit und Zweifel.

„Das sind alles mentale Objekte“, erklärt Anthony. Was heißt das? Ich kann sie sehen! Ich kann sie wahrnehmen. Sie sind nicht identisch mit mir, sondern eine Erscheinung so wie ein Geräusch. Auch der eigentümliche Nebel, in dem sich der Verstand so oft aufhält ist ein Objekt. Nicht ich BIN müde. Sondern einfach nur DA IST Müdigkeit (Sorge, Unzufriedenheit, etc. etc.). BÄNG! Der Nebel lichtet sich mit einem Schlag. Völliger Wahnsinn! Klarheit breitet sich aus, Licht und Leichtigkeit. Das „Noting – Knowing – Letting go“ geht plötzlich wie von selbst.

Immer mehr und immer besser

Dinge persönlich zu nehmen, zu denken, dass mir als einer Person etwas widerfährt, dass ich jemand bin, dem etwas begegnet oder zustößt, ist laut Buddha die Wurzel allen Dramas: „Ohne Person kein Leiden, keine Unzufriedenheit, kein Stress, kein Nörgeln“, fasst Anthony zusammen. Der Buddha nannte das Resultat unserer Identifikation mit allem und jedem „Dukkha“ in seinen Lehren. Ein Wort des altindischen „Pali“, das sich nicht wirklich gut übersetzt in westliche Sprachen.

Es meint das nagende Gefühl von Unglückseligkeit, das in verschiedenster Form und Farbe recht häufig dem Alltag eines Menschen zugrunde liegt. „Das passt mir jetzt aber gar nicht… Und was der gesagt hat, war ja wohl gar nicht gut…“ Abneigung, Abneigung. „Aber es könnte doch gerne davon noch ein bisschen mehr sein. Mehr elektronische Geräte, ein besseres Auto, mehr Freunde, eine schönere Wohnung…“ Wollen, Wollen.

Immer noch ein bisschen optimieren, immer noch ein bisschen weiter und ein bisschen mehr – das ist eine Grundposition des menschlichen Verstandes. Leiden vermeiden, Genuss steigern. Die gesamte westliche Gesellschaft hat sich nach diesem Prinzip ausgerichtet und versteht nicht, warum das nicht zum ewigen Glück führt. Nie ganz zufrieden mit dem, was jetzt gerade ist, immer am Hinterherhecheln in eine unbestimmte Zukunft. Morgen wird alles gut! Morgen!

„Schön und gut, aber habe jetzt Hunger!“

Ja, wäre schon gut, wenn der Morgen jetzt bald kommt. Ich kriege Hunger. Zumindest interpretiere ich die Empfindungen und Bewegungen im Bauchraum nach wie vor in dieser Art und Weise. Tatsächlich hatte ich allerdings schon hinreichend Kalorien und Nährstoffe heute. In der für Retreat-Teilnehmer nicht unüblichen Angst vor dem fehlenden Abendessen, hatte ich natürlich wieder mal deutlich zu häufig Nachschlag um 11:30 Uhr. Pffffffff… Ganz leise Selbstkritik… Und: „Siehste, von wegen Intervallfasten als neuer Trend, machen die hier schon über 2.000 Jahre. Ha!“

In der „Getränkepause“ ab 17 Uhr, in der die Mönche üblicherweise eine nahrhafte Flüssigkeit wie Soyamilch zu sich nehmen, kommt massive Langeweile auf. Und der Verstand geht auf große Wanderschaft, will nicht mehr hier sein. Immerhin ist das eine tropische Trauminsel! Überall gibt es richtig leckeres Essen und abends sitzen die Auswanderer am Strand und besingen zur Gitarre den Sonnenuntergang oder Tanzen die Nacht durch unterm Vollmond… Langeweile, Langeweile.

Liebende Güte für den Ex

Der Abend zieht sich eeewig. 18:30 Uhr: Chanten in der Tradition der buddhistischen Mönche und dann eine ausgedehnte Mediation zur „liebenden Güte“ (Loving Kindness in englisch). Mit aller unvoreingenommenen Offenheit und Herzlichkeit, die uns zur Verfügung steht, wünschen wir uns selbst und allen Lebewesen Zufriedenheit und Wohlbefinden. Eine zentrale buddhistische Praxis der Herzensbildung.

Teil davon ist es, die besten Wünsche an Menschen zu senden, mit denen wir gerade in irgendeiner Form „ein Problem“ haben. Vom Chef bis zur Ex, den Eltern oder Kollegen kann da alles dabei sein. Puh. Es tut was Gutes. Tatsächlich. Aber keine leichte Übung. Widerstand, Widerstand.

Nochmal 45 Minuten Meditation im Gehen und das große Finale im Sitzen. 21 Uhr, die letzte Glocke ertönt. Nicht ohne Erleichterung (Vorliebe, Vorliebe) sammle ich meine Gliedmaßen von der Matte, stütze mich umständlich mit der Hand ab und beuge mich zu einer Respektsbekundung nach vorne unten. Es kommt mittlerweile von Herzen. Toughe Jungs und Mädels, diese praktizierenden Buddhisten. Und der Buddha, mein lieber Schwan, der hat echt was verstanden. Bewertung, Bewertung.

Bewusstseinserweiterung ganz ohne Drogen

Erschöpft, aber irgendwie heiter und gelassen, ja erleichert, bewege ich mich Richtung Bett. Auf dem Kopfkissen präsentiert mir der Verstand völlig abgefahrene psychedelische Bilder. „Fuck, das ist ja Kunst!“ denke ich noch und will es festhalten, bevor ich in einen tiefen, wohligen Schlaf gleite. Vorliebe, Vorliebe.

 „Zufriedenheit macht glücklich. Du kannst Dich jeden Tag ganz einfach selbst glücklich machen“, schlägt Anthony gegen Ende des Retreats vor. „Sei zufrieden mit dem was jetzt gerade ist und identifiziere Dich nicht mit jedem Nonsens, den Dir Dein Geist präsentiert. Glaube nicht jeder Meinung, jedem Änderungsvorschlag und jeder Sorge, die dort vorbeikommen.“

Doch nur Kalenderblattweisheiten?

Hört sich ein wenig an nach Kalenderblattweisheit oder populärer Coaching-Platitüde, wenn es so außerhalb des Kontextes steht. Aber es macht Sinn, wenn man mitten in der Übung ist: Etwas steigt auf im Geist – Unzufriedenheit, Selbstzweifel, eine Bewertung, Sorge, Angst oder Wut. Kann ich es als Natur begreifen und so stehen lassen, ohne es sofort ändern zu wollen? Kann ich zufrieden sein mit der Unzufriedenheit, gleichmütig mit der Bewertung, einverstanden mit dem was jetzt gerade ist?

Wenn ja, bin ich nicht nur präsent mit dem, was gerade wirklich passiert, ich kann gelassen sein und bedacht und kann von dieser Warte aus entscheiden, handeln oder antworten, statt ferngesteuert von meinen alten Mustern, den Prägungen aus der Kindheit und meiner subjektiven Empfidung unmittelbar zu reagieren.

Die Übung verschafft mir Raum. Ich kann entscheiden, was ich mit einer Situation oder einem Zustand mache. Und ich habe sogar die Wahl, was auch immer erscheint, einfach weiterziehen zu lassen. Denn es ist ohnehin vergänglich. Nur eine Momentaufnahme.

Weg die ganze Seelenruhe

Ich empfinde Glück und Frieden. Will es der ganzen Welt erzählen! Will buddhistische Nonne werden! Wollen, Wollen. „Rasiert Euch nicht gleich den Kopf“, warnt Anthony, der derlei Enthusiasmus nach einem Retreat nur zu gut kennt. „Auch das ist zuallererst nur ein Gedanke, eine Emotion.“

Good bye Koh Phangan.Ja, das Leben geht weiter. Am Ticket-Schalter für die Fähre gibt’s einige Stunden später gleich das volle europäische Panik-Ballett, als die vermeintlich sichere Fahrkarte nicht gültig sein soll. „Das Boot fährt doch gleich! Ich hab doch einen Fluuug!“ Sorge, Sorge. „Was haben die mir da im Reisebüro für einen Scheiß verkauft letzte Woche?“ Ärger, Ärger.

Weg die ganze Seelenruhe. „Wait moment, please na khaaa“, sagt die süße, kleine Thai-Frau hinter dem Schalter und lächelt trotz meiner erkennbaren Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation aufmunternd in meine Richtung. Buddhistische Gelassenheit wird hier schon mit der Muttermilch verabreicht. Asiaten können selten verstehen, was die ganze Aufregung der Touristen eigentlich soll.

Und da! Freude! Die Geistesgegenwart kommt zurück, ich kann wieder klar denken. Die Aufregung in Kopf und Körper gehört zu meiner Natur, aber ich muss mich nicht von ihr steuern lassen.

Danke, Buddha. Gute Sache das. Ich werde beobachten, wie die Reise weitergeht.

Namo tassa bhagavato arahato sammāsambuddhassā.

Mehr Infos

Die Website zum neuen Retreatcenter (englisch):
https://indriya-retreat.org/

Hintergrundinformationen, Lesetipps und weitere Retreatcenter in Thailand und Myanmar (englisch)
http://anthonymarkwell.com/

Seite auf Facebook mit aktuellen Infos (englisch):
https://www.facebook.com/indriyaretreat/

 

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One Comment

  • Michaela

    Wow, toll geschrieben, sehr unterhaltsam und für mich gut verständlich und nachvollziehbar.
    Toller Bericht, der zum Nachdenken anregt.

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