Ayurvedischer Massagesalon: Alle Fliesen verlegt!
Indien

Mit dem heiligen Valentin zur Massage

Eine ayurvedische Massage zum Valentinstag! Das ist doch mal was, oder?

Nicht, dass das Datum irgendeine Rolle spielen würde in Indien. Aber als Nomadin in Asien feiert man die Feste eben wie sie fallen. Letzte Woche Tumpek Landep in Bali, nächste Woche Maha Shivaratri in Rishikesh. Heute halt die Geschichte mit dem Heiligen Valentin.

Es fängt gut an. Die Massagefrau erkennt mich wieder. Voller Herzlichkeit begrüßt sie mich, hält lange meine beiden Hände und schaut mich prüfend an. „Wie geht es Dir?“

Die Frage ist nicht unberechtigt und die Begrüßung vielleicht nicht selbstverständlich. Immerhin habe ich ihr vor zwei Jahren, als ich zur Hochzeit meiner Freundin Christine an diesem schönen Orte weilte, die ganze Bude vollgekotzt.

Jup. Es gibt kein schöneres Wort dafür, denn es war nicht schön.

Ein Lieblingssnack mit Folgen

Idli, südindische Küchelchen aus gedämpftem Reis.Am Ende eines zauberhaften Ganges-Spaziergang im Februar 2018 hatte ich in Ramjula meinen südindischen Lieblingssnack Idli genossen. In einem unverdächtig bistro-artigen Verschlag unter der Brücke. Bei Ankunft im Massagesalon wenig später war mir schon nicht gut. Und als sie loslegen wollte, legte ich auch los.

Nur mit knapper Not schaffte ich es nach der initialen Eruption ins glücklicherweise nahegelegene Guesthouse. Die Ereignisse der restlichen Woche (!) sind Geschichte. Nur so viel: Es war ein einmaliger Tiefpunkt in meiner persönlichen Reise-Historie.

An der Hochzeit, zu der ich eigens vom doch recht entfernt gelegenen Bali eingeflogen war, habe ich übrigens nicht teilgenommen.

Ich esse aber immer noch Idli, wenn ich sie irgendwo zu fassen bekomme.

Mein Date mit Valentin 2020

Heute, im Februar 2020, ist das werte Wohlbefinden im Vergleich erheblich gesteigert. Leichte Verkühlung im winterlichen Flusstal am Fuße des Himalayas, aber sonst alles fein. Das Date mit Valentin kann beginnen.

Die Begrüßungszeremonie ist schonmal vielversprechend. Im Einmalhöschen auf einem Plastikhocker sitzend werde ich mit Girlanden behangen und mit Räucherwerk umflort. Anju singt ein Mantra und streicht mir mit Asche ein Tilak (Tupfen) auf die Stirn.

Derart gesegnet bin ich nun wirklich zu jeder Tiefenentspannung bereit.

Kopf- und Nackenmassage noch im Sitzen lassen mich die Engelschöre hören. Wir wechseln zur Liege. Nicht ohne Mühe, denn es bedeutet auch einen Umzug der Handtücher und Decken, mit denen mich die fürsorgliche Therapeutin behangen hat. Im ungeheizten Raum hat es irgendetwas um die 17 Grad.

Fleißiger Flöter

Anju fragt, ob ich gerne Musik hätte. Ja, warum eigentlich nicht? Dann muss ich mir die Engel wenigstens nicht mehr einbilden! Die ziemlich unausgeruhte – oder netter ausgedrückt „lebhafte“ – indische Flötenmusik kommt dann allerdings aus einem ganz anderen Pantheon. Aber was soll’s!

In Indien muss man halt mit immer nochmal mehr Gelassenheit und Erwartungsfreiheit unterwegs sein als anderswo in Asien, denke ich bei mir. Hier geht ganz sicher nichts nach den Vorstellungen und Plänen im eigenen Kopf.

Wie zur Bestätigung setzt direkt am Eingang des Massagesalons eine Kreissäge ein. Dagegen kommt dann leider auch der fleißige Flöter nicht an.

„Immer wieder diese Anfängerfehler!“ Denke ich milde frustriert, während Anju mit zarten Händen duftende Salben in meinem Gesicht verstreicht. Ich verziehe keine Miene.
Atmen. Loslassen. Entspannen.

Und ewig singt die Kreissäge

Ayurvedischer Massagesalon: Alle Fliesen verlegt!Fliesenleger vor der Tür bei Ankunft = lärmendes Kreischen im Ohr während der Behandlung. Hätte ich mir denken können. Als ich kam, hat er aber schon lustig Kacheln im Zement hin- und hergeschoben und den Einstieg in den Salon auf diese Weise in einen lockeren 3er verwandelt. Wer konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass er noch weitere Feinheiten zusägen muss?

Oh, wie ich die Handkreissäge liebe! Mein ständiger Begleiter in allen Ländern Asiens. Nun gut. Nach dem 7-tägigen Meditationsretreat zur Säge in Thailand im Dezember sollte das ja nun kein Problem sein.

Niiieeejaaaiiihhh. Niiieeejaaaiiihhh. Niiieeejaaaiiihhh.

Das Geräusch geht durch Mark und Bein. Da ist ja auch nicht viel Dämmung zwischen mir und meinem Deckenberg und der Vortreppe – ein Vorhang und eine nicht isolierte Fensterscheibe!

Die Gesichtsmassage verliert doch deutlich an Qualität. Beim Wechsel zum Fuß deutet Anju mein synchron zum Sägenton verzogenes Gesicht richtig und geht hinaus, um den Laden runterzulassen.
Ratter. Ratterdiratter. Ratterratterbumm.

Es hilft nicht wirklich. Nach Bein Nummer 1 müssen wir ernsthafte Maßnahmen ergreifen, sonst wird das nix mit mir und dem Valentin! Brav trabt Anju nochmal los, als sie die Zeichen der Zeit erkennt, und der Meister verstummt tatsächlich.

Ölabreibung unter dem Plümo

Die ayurvedische Massageliege.Immerhin ein Bein und zwei Arme hält die relative Stille, nur unterbrochen durch den übereifrigen Flöter, Hundegebell und vereinzeltes Hupen der vorbeifahrenden Mopeds und Autorikschas.

Ein paar wenige Sägenkreischer begleiten die Massage am Oberkörper, doch dann zieht sich der Fliesenleger unter lautstarker Diskussion mit einem Chai zu seinen Kumpels auf der gegenüberliegenden Mauer zurück.

Es wird dunkel. Zu dem Frotteehandtuch und den zwei Decken auf meinen nackten Gliedern hat sich mittlerweile noch ein dickes Plümo gesellt. Tapfer wühlt sich Anju durch die Wollberge und legt Körperteil um Körperteil frei, um die wohlriechenden ayurvedischen Öle darauf zu verstreichen.

Aaahhh. Mmjaaahhh. Mittlerweile mit dem Gesicht nach unten platziert guckt meine Nase durch das Loch in der Liege und genießt die feinen Nuancen aus der Duftküche Indiens.

Da mischt sich noch etwas anderes in die verführerische Wolke. Fließenkleister? Gibt es sowas? Riecht jedenfalls ätzend. Also doch noch kein Feierabend? Naja, gleich haben wir es ja geschafft. Ich atme flacher, immer noch um Entspannung bemüht.

Jetzt am besten leichte Kost

Schön eingeölt nach der Massage mit Anju.
Schön eingeölt nach der Massage mit Anju.

Letzte Runde unterm Wollberg, dann kommt die Abreibung mit den Handtüchern. Das Öl darf noch etwas nachwirken, erklärt Anju. Und ich dürfte ruhig noch etwas liegenbleiben, um weiter zu entspannen.

Ach, nein. Heute mal nicht. Danke. Eher zügig rubbele ich mir das Öl von Armen und Bauch und sehe zu, dass ich in meine warmen Klamotten komme.

Der Magen signalisiert Bereitschaft für’s Abendmahl. Artig frage ich, was die Fachfrau wohl nach derartiger Behandlung als ideale Mahlzeit betrachtet?

„Etwas Leichtes“, sagt sie. Ja, das hatte ich befürchtet. Dabei hatte Valentin mir ins Ohr geflüstert, dass der beste Italiener von Rishikesh direkt neben dem Massagesalon liegt…

„Gemüse?“ frage ich zögerlich. „Ja, das ist gut“, bestätigt Anju. „Alles nur kein Reis. Brot dazu, Chapati.“ Aha. „Pizza?“ unke ich. Rhetorische Frage. Fällt ja meiner Kenntnis nach nicht unter „leichte Kost“ und steht, meine ich, auch nicht auf der Shortlist ayurvedischer Highlights. „Ja, Pizza ist oke“, sagt Anju dann aber tatsächlich.

Na, also! Wird also doch noch was mit mir und dem Valentin. Indien ist eben immer für eine Überraschung gut.


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