Furchterregende Mopeds
Bali

Bitte keine Hunde, Hähne, Tempel oder Bauarbeiten

Gleichmäßige Striche mit dem Reisigbesen auf Fliesen und Beton kratzen mein Ohr um 5:30 Uhr. Es ist mit 24 Grad noch relativ kühl. Die beste Zeit des Tages also, um mit den täglichen Haushaltsarbeiten anzufangen. Das weibliche Familienoberhaupt bearbeitet mit Mörser und Stößel die Gewürze und Kräuter für Frühstück und Mittagessen. Toktoktok. In der Frühe werden direkt alle Mahlzeiten für den ganzen Tag zubereitet. Und natürlich essen die Balinesen wie alle Asiaten dreimal täglich Reis mit verschiedenen Beilagen. Toktoktok. Schabschabschab. Das rhythmische Stoßen im Mörser wird abgelöst vom schnellen Kratzen des Metallspatels im Wok.

Die Hähne laufen zu Hochform auf. Obwohl es definitiv ein Gerücht ist, dass sie den Tag erst zum Sonnenaufgang begrüßen. Wenn sie nicht die ganze Nacht durch krähen, dann starten sie mit Gewissheit bereits zwischen 2 und 3 Uhr in der Frühe. Pausenlos.
Meist etwas separiert von der restlichen Hühnerschar gibt es hinter dem eingemauerten Grund vieler Familien gelegentlich auch noch eine erlesene Schar von Kampfhähnen. Testosteron-schwangere Lebewesen, die auch tagsüber fröhlich ihr Revier markieren im durchdringenden Kikeriki. Und im Wettbewerb natürlich. Falls die Nachtruhe schon gestört war, wird so auch der Mittagsschlaf gelegentlich zu einer Herausforderung.

Bauarbeiten mit Kreissäge und SpatelIch spitze die Ohren. Da! Ein neuer Ton! Ein ganz feines, helles Läuten. Muss vom nächsten Tempel kommen. Jedes Dorf hat mindestens drei Tempel – für Shiva, Vishnu und Brahma, die balinesische Dreifaltigkeit, die gelegentlich noch ergänzt wird durch Tempel für weibliche Gottheiten wie Saraswati oder Durga. Das Glöckchen begleitet jede Andacht mit ihren Verbeugungen auf dem Boden, dem Abbrennen von Räucherstäbchen und der Gabe von Blütenblättern und Reis. Es ist eine Kunst, die Glocke für viele Minuten bis hin zu einer Stunde mit nur einer Hand so rhythmisch zu bewegen, dass sie wie viele zeremonielle Klänge auf Bali leicht trance-induzierend wirkt.

Doch das Glöckchen hat zunehmend Mühe gegen den Straßenlärm anzukommen. Das Schicksal hat mich dieses Mal an eine viel befahrene Straße verschlagen. Ich dachte, die Wohnung für die Ausländerin ist wie üblich im hinteren Teil des Grundstückes, hinter den Wohn- und Nutzgebäuden der Familie. Doch das entzückende und äußerst einzigartige „Loft-House“ steht direkt an der Straße. Und nein, die Fenster sind nicht schallisoliert. Würde auch wenig Sinn machen, da in bewährter lokaler Bauweise offene Oberlichter für die ideale Belüftung der Räume sorgen.

Stadtleben auf Bali. Ab 6 Uhr morgens geht es los mit der Armee von Mopeds, vereinzelten Autos und kleinen Lkw. Es scheint sehr beliebt zu sein dieser Tage, sein Gefährt so aufzumotzen, dass der Auspuff ordentlich röhrt. Vielleicht verscheucht das böse Geister? Immerhin gibt es keine Bauarbeiten in unmittelbarer Nähe. Das ist im Tourismus- und Auswanderer-Boom der Insel sonst immer das K.o-Kriterium für jegliche Sehnsucht nach Frieden und Ruhe. Denn scheints gibt es fast nichts, was der Südostasiate nicht mit einer Handkreissäge geregelt bekommt. Schneiden, Schleifen, Polieren – das Gerät kann alles. *kreisch

Nach vier Nächten bin ich umgezogen. Ganz im Sinne der Anzeige eines akustisch malträtierten Yoga-Nomaden, die ich vor Jahren mal gesehen hatte: „Suche ruhige Wohnung mit Privatsphäre. Bitte keine Hunde, Hähne, Tempel oder Bauarbeiten in der Nähe.“ Das ist der inoffizielle Wunsch eines jeden Auswanderers hier für seine Bleibe auf dem vermeintlich idyllischen Inselreich. Das entsprechend formulierte Wohnungsgesuch auf Facebook führte zu einem Aufschrei der Empörung bei den balinesischen Gruppenmitgliedern. „Wenn Du unsere Kultur nicht respektieren kannst, dann geh doch woanders hin!“

Doch das lokale Brauchtum mit seiner Vielzahl an mystischen Riten und Zeremonien bildet ja schon eine hübsche Kulisse für die neumodische Kalifornien-geprägte Yoga-Kultur der spirituellen Szene hier. Wenn doch nur der Gamelan nicht wäre!

Gamelan PercussionKlingelklingel dengeldengel klöppelklöppel. Die traditionelle Musik aus Tempel und Königshof besticht durch den Einsatz von Schlagwerk und Gongs. Und Harmonien, die für den uneingeweihten Besucher aus der westlichen Hemispähre gerne schräg und anspruchsvoll daherkommen. Und es gibt wahrhaft viele Anlässe im balinesischen Hinduismus, bei denen die Xylophone und Rhythmusinstrumente zum Einsatz kommen. Gestern eine Beerdigung, heute der “Tag der schwarzen Magie”, nächste Woche Saraswati-Tag und bald schon wieder Galungan und Kuningan. Unüberschaubar viele Termine, die in dem komplexen Kalendersystem durch Tempelbesuche, Pujas und Prozessionen gewürdigt werden müssen.

Klingelklingel dengeldengel klöppelklöppel schallt es von der Straße her, wenn das ganze Dorf begleitet von einem kleinen fahrbaren Gamelan-Orchester durch den Ort zieht. Von Süd nach Nord und dann wieder zurück. Klingelklingel dengeldengel klöppelklöppel. Als Agung, der große Vulkan Balis, im November 2017 ausbrach und Aschewolken auch meinen nur 40 km entfernten Wohnort Ubud bedrohten, liefen die Klöppel und Schlegel heiß für viele Nächte hintereinander. Es befriedete die Geister und feinstofflichen Mächte auf der Insel und beflügelte definitiv meine Träume!

Nachts schlägt auch die Stunde der zahllosen Straßenhunde Balis, die in verschiedenen gegnerischen Rudeln ihre jeweilige Nachbarschaft aufmischen. Nicht weniger als sechs lose Gruppierungen habe ich von meinem Bett aus monatelang auditiv durch die langgezogene Straße Jl. Suweta begleiten können. Bellen, jaulen, kläffen – mal lamentierend, mal aggressiv. Da fällt das klägliche Miauen der ein oder anderen Straßenkatze kaum noch ins Gewicht.

Im Gänsemarsch durchs ReisfeldWer im Reisfeld wohnt, genießt tagsüber das fröhliche Schnattern der allgegenwärtigen Enten. „Bebek“ heißen sie auf Bahasa, der Sprache Indonesiens. Ein traumhaft lautmalerischer Name. Bebekbebekbebek. Im Gänsemarsch traben sie durch die Felder und picken heruntergefallene Körner auf, bis sie gut gemästet als knuspriges Federvieh auf dem Grill enden.

Doch nun ist endlich Ruhe. Verhältnismäßig. Ich blicke auf eines der vielen saftig grünen Flusstäler, das mit einem Dutzend anderer steiler Schluchten die Geographie Balis prägt. Bananenblätter, Frangipanibäume und Palmwedel aller Art wiegen sich sanft im Wind. Das Säuseln und Rascheln ist Musik in meinen Ohren. Was macht da schon das konstante Wummern der Klimaanlage vom Hotel nebenan, die exotischen Vogelstimmen und die wiederkehrenden Wellen von kreischenden Zirkadenkonzerten.

Ein kleiner Zimmergecko kommentiert keckernd meine Ausführungen. Das Nervensystem beruhigt sich langsam, die kreativen Säfte kommen ins Fließen. Bis ich selbst wieder auf’s Moped steige, um die Zeremonie in einem entfernter gelegenen Tempel zu bestaunen…


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