Flores - Wandern nach dem Frühstück.
Portugal,  Travel-Blog

Technik und Corona: Keine gute Ehe

„Wenn es schlecht läuft, dann übertreib es und mach es einfach noch schlechter. Dann wird es skurril und richtig lustig“, sagt mein Improvisationstheater-Coach. Bei den Vorbereitungen für meine Reiseleitung auf den Azoren hab ich verstanden, was er meint.

Reisen in Zeiten von Corona, ist der Untertitel zu meinem Projekt an jenem Tag Mitte August 2021. Jahr #2 der Pandemie.

Schritt 1: PCR-Test

Flores - Straße auf der Hochebene.Montagmorgen. PCR-Test in der nächstgelegenen Kleinstadt. Komfortabel. Muss nicht bis zum Flughafen fahren. Alles gut. Aber: „Das Ergebnis dauert 24 oder 48 Stunden nach Eingang der Probe im Labor.” Also nicht nach dem Test selbst? “Nein, und ganz manchmal kann es auch noch länger dauern“, heißt es auf der Website.

„Also eigentlich wissen wir es nicht“, wollen die doch sagen, denke ich mir. Außer: Es dauert ewig. Planung, für sagen wir einen Flug, ist mit solchen Angaben jedenfalls nicht möglich.

Aber nein, ein wirklich freundlicher Mitarbeiter erklärt mir bei Nachfrage am Telefon, dass es mittlerweile doch in 24 Stunden zu schaffen sei. Na, Hallelluja! Denn wenn das Ding schon Schimmel ansetzt, braucht frau es ja auch nicht mehr am Check-in.

Und siehe da, schon trifft es ein, das überaus positive Ergebnis: negativ! Nach 20 Stündchen und auch gleich digital in der App, freu ich mich am nächsten Morgen. Obwohl…

Was kommt ist nur das Test-Ergebnis selbst, bezüglich des alles entscheidenden EU-Zertifikats (der QR-Code und etwas englischer Text?!?!) aktuell noch Fehlanzeige. Naja, vielleicht ja später. Jetzt erstmal „My Safe Azores“.

Schritt 2: My Safe Azores

Pico - Weg zur Badebucht des Hotels.Dienstag, 13 Uhr. Anmeldung in der Heimat des Azorenhochs. Damit es sich schonmal freuen kann, dass ich komme! Wo ich denn absteige, fragen die Autoritäten auf der dritten von fünf Formularseiten.

Hab ich doch alles parat – Hotel, Straße, Ort. Kein Problem. County? Ah ja, Landkreis. Puuuh. Nun ja, oke, das erschließe ich mir durch herausragende Ortskenntnis infolge ganzer 4 vorherigen Aufenthalte und schlaues Kombinieren des gefühlten Wissens.

Aber dann: Parish. Parish? Kirchengemeinde. Aha. Erinnere mich dunkel an meine Recherchen in Bezug auf azorianische Verwaltungsstrukturen. Aber in welchem der 3 Parishe der Hauptstadt Ponta Delgada nun mein Hotel liegt, weiß auch Tante Google nicht. Ich rate. Wie füllen die anderen Touristen sowas aus?

Weiter. Ob ich weiter reise. Ja. Welche Insel, County. Parish… Uiuiui. Wir machen Insel-Hopping. 5x. Dafür hab ich auch schon Formulare ausgedruckt, die dann zusätzlich handschriftlich vor Ort auszufüllen sind.

ALLE relevanten Daten werden abgefragt. Nur mein Gewicht nicht. Epidemologisches. Symptome. Und das Testergebnis. Hier zum Glück als PDF hochladbar. Das ist zwischenzeitlich angekommen. Von den ganzen QR-Codes, die kein Gerät lesen kann, ist mir eh schon schwindelig.
Absenden. Bestätigung im Emailkasten. Hui. Auf zum nächsten Akt.

Schritt 3: Das europäische digitale Passagier-Lokalisierungs-Formular (dPLF)

São Miguel - Willkommen auf dem großen Largo.Das Passagier-Lokalisierungs-Formular (dPLF) zur Einreise nach Portugal kommt als nächstes. Wunderbares Wort macht schon richtig Laune! Na gut. Fliegernummer. Sitznummer. Sitznummer? Ja, steht auf dem Boarding Pass. Gut, dann checke ich eben noch schnell ein. Der Magen knurrt leise. Mir fröstelt. Aber komm. Das schaffst Du auch noch, Liebes!

Website der portugiesischen Airline TAP. Fünf Seiten Online-Check-in. Kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so viele Formularfelder für einen Flug befüllen musste. Meine Passnummer kann ich auch gleich auswendig.

Fehlermeldung. Boarding Pass für den ersten Flug nach Portugal nicht möglich. Geht nur vor Ort am Schalter. Mpf. Immerhin spuckt es mir eine Sitznummer aus. Danke!

Also zurück zur Passenger-Locater-Card. Jetzt wird mir warm. Der Nacken etwas steif und wie bei einem Huhn auf Körnersuche nach vorne gereckt. Wieder die Passnummer. Wo ich herkomme, wo ich hinwill, wer ich bin. Nein, kein Crew-Member.
Nur eine Seite, aber die ist irgendwie lang.

Absenden. Server Fehler. Im Ernst jetzt? Ich brauch schon seit über einer Stunde Mittagessen und hab (mal wieder) geglaubt, ich mach das „nur schnell noch“ fertig. Mein Körper mault jetzt wirklich, die Nerven liegen blank.

Server Fehler mag ich nicht. Das Formular ist weg, meine Angaben auch. Also alles nochmal.
Immerhin kenne ich schon den Sitz und meine Passnummer. Tippel tippel tippel. Autovervollständigung gibt es nicht. Aber Geduld ist ja eine Tugend, die geübt werden will.

Absenden. Server-Fehler. Huch! Alles weg. Existenzielle Fragen kommen auf. Wird es jemals klappen? Werde ich in Lissabon von Bord gehen dürfen, um den Flieger zu wechseln?

Ich atme, schaue mich im Raum um, spür mal wieder die Füße am Boden, bemerke, dass mir doch kalt ist und beschließe, jetzt endgültig Mittagessen zu servieren.

Schritt 4: Test-Ergebnis digital erfassen

Flores - Moose auf der Hochebene.Obwohl ich könnte, ja ich könnte, ich könnte doch noch geschwind – nur für das Erfolgserlebnis vor der Belohnung – das EU-Zertifikat des PCR-Tests in die tollen neuen Smart-Phone Apps einscannen.

Blöde Idee. Das Telefon mag das heruntergeladene PDF-Zertifikat am Bildschirm nicht lesen. Ja, Kruzifix! Also doch ausdrucken. Hochgehen, erste Etage. Zum Glück hat dieser Haushalt überhaupt noch einen Drucker! Wer kann das schon von sich sagen?!

Vom Papier mag die App das Zertifikat aber auch nicht lesen. Wie gut, dass es noch eine zweite gibt! Doch auch bei App #2 ist keine Anzeige möglich. Irgendein Fehler im QR-Code? Ja, Herrschaft!
Neustart. Test löschen, neu laden. Feuchte Stellen am T-Shirt unter den Achseln. Kalter Schweiß?

Das gibt nix mehr heute. Es ist 14:30 Uhr. Das ist eh schon sehr sehr spät für Mittach. Also Schluss jetzt. Dann halt einfach mit Ausdruck. Was soll’s!?

5. Schritt: Anreise zu Land neu planen

Das Lächeln am Morgen des 3. Bahnstreiks.Email von meinem Produktmanager in München: „Ich hab den Gästen grad noch schnell Bescheid gegeben, sie sollen genug Zeit einplanen für ihre Anreise zum Flughafen wegen des GDL-Streiks in den nächsten beide Tagen.“

GDL? Betrifft mich das? Tante Google klärt mich Wahl-Asiatin, die immer noch nicht ganz im deutschen Bürokratie-Dschungel angekommen ist, auf: Die Lokführer.

Na prima. Mein Zug zum Flug geht um 9:35 Uhr am Mittwoch. Ich befrage die Bahn-App. Nein, geht er nicht. Und auch nicht der um 8:35 Uhr. „Journey cancelled“, heißt es lapidar in meiner englischen Version der App.

Jetzt ist aber Schluss. Ich ignoriere die Welt und rette meine persönliche mit einem Pastasalat. Dieses Problem muss sich jetzt wirklich irgendwie von selbst lösen!

Genau wie die Improvisationstheateristen sagen: skurril und richtig lustig. Ich grinse dümmlich vor mich hin, während sich mein Gehirn auf’s Zucchini-Schneiden fokussiert und ganz langsam entspannt.

Am Abend erzähle ich einer Freundin von dem mehrstufigen Chaos. Sie hat morgen frei, sagt sie. Unerhört! Sie fährt mich zum Flughafen. Wie legendär!

Ich öffne reflexhaft die Emails – da erscheint doch wie von Zauberhand eine Bestätigungsmail des dann doch korrekt ausgefüllten europäischen digitalen Passagier-Lokalisierungs-Formulars (dPLF) im Emailkasten. Die mit dem Server Fehler. Magisch. Hat hintenrum anscheinend doch geklappt.

Jetzt kann es nur noch gut werden! Noch geschwind alles so packen, dass ich auch drei Tage ohne Hauptgepäck eine Reise leiten kann (bei den letzten vier Reisen auf die Azoren haben sich TAP und die Azoren-Airlines als Spezialisten für dieses Szenario erwiesen). Und schon kann es losgehen!

Wie es weiterging mit der Reise, steht in der Geschichte:
Azoren: Zu Besuch bei den Wettergöttern

Flores - Sonnenaufgang an der Küste.

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