Danksagungen für Maria.
Hildegardweg

Hildegardweg 7. Etappe: Drei Dates mit Maria (Teil 7/9)

Highlight der 7. Etappe des Hildegardweges: Marienkirche in Spabrücken im Morgenlicht.Nicht ein Hahnenschrei wie in Bali oder Trommelschläge aus einem buddhistischen Kloster wie in Thailand, sondern die Glocken der Marienkirche läuten in Spabrücken den Tag ein. Ich rolle mich aus dem Bett, glücklich dass auf meiner Version der 7. Etappe des Hildegardweges mit nur 11-12 Kilometern quasi ein Pausentag ansteht.

Pferde wiehern im Stall nebenan. In der Gemeinschaftsküche der gemütlichen Pension gibt es Wasserkocher und All-You-Can-Drink-Teebeutel in 12 verschiedenen Geschmacksrichtungen. Soweit so gut.

Kniffelige Logistik

Allein die Logistik ist heute etwas kniffelig. Das fehlende Frühstück kann ich noch gut durch mein mitgebrachtes Bergsteiger-Müsli ersetzen. (Mit Dinkel! Das Getreide, das Hildegard empfiehlt!)

Doch ab dann wird es interessant. Leider erlaubt mein Stoffwechsel keine längeren Fastenperioden à la Jutta von Sponheim. Und Intervallfasten mache ich bestenfalls weggeschlossen in einem Schweigeretreat. Ist besser für alle. 😉

Zaungast in Schindeldorf.Schon bei meiner Ankunft in Spabrücken stellt sich heraus, dass mein Pilgerprogramm am siebten Tag nicht ganz durchdacht ist. Beim Check-in am Vorabend erzähle ich meinem Gastgeber im Wallfahrtsort von den weiteren Plänen.

Er legt die Stirn in bedenkliche Falten. Meine nächste Unterkunft sei aber ganz schön weit ab vom Schuss. Ja, so grob war mir das schon klar. Aber was soll man machen? Das Etappen-Ende Stromberg war bis zum Schluss ein weißer Fleck in meiner Excel-Tabelle zur Unterkunftsplanung.

Es wollte sich einfach keine bezahlbare Herberge finden lassen. Das übliche Dilemma: Jede Menge Ferienwohnungen und Luxushotels jenseits meines Interesses und / oder meiner Möglichkeiten.

Verzweifelte Maßnahmen

Wegweiser in den Feldern.Mein Suchradius wurde immer größer und schloss zeitweise auch einen weit außerhalb gelegenen Campingplatz mit ein. Pure Verzweiflung diese Überlegung so ganz ohne Zelt… Zuguterletzt wurde es eine nette Bett&Bike-Pension rund 4 Kilometer von der Hauptroute entfernt.

Die besondere Herausforderung (mal abgesehen von jeder Menge extra Kilometer): Der Ort selbst hat keine Restaurants, kein Bistro und keine Supermärkte. Der direkte Nachbarort hat auch keine Supermärkte, aber ein gutbürgerliches Restaurant, das ab 17:30 Uhr öffnet. Zu spät für mich. Da bin ich an meinem Pausentag schon lange vorbei. Und ich laufe jetzt auch nicht länger hin und her als nötig!

Kohlroulade oder Pastaparty?

Wohlgemut auf dem Weg.Ich brauche im Grunde etwas für die Mittagszeit und siehe da, da ist doch was! Noch ein Ort früher weiß Google von einem Mittagstisch. Super! Karte Mittwoch, 1. Juli: Mittagstisch mit Kohlroulade. Nur 8 Kilometer nach dem Dinkelmüsli. Kohlroulade vor 12 Uhr – ich glaube, das wäre selbst als Nicht-Vegetarierin ein zu ambitioniertes Programm für mich.

Wie also die Nahrungskette sicherstellen für den restlichen Tag? Eine schöne Lösung offenbart sich in Gestalt einer Take-Away-Pizzeria in Stromberg direkt. Genau so mache ich es! Ich gehe die Etappe einfach stur bis zum Ende durch, sammel in der Pizzeria ein Nudelgericht ein, dass man abends auch kalt essen kann und nehme dann ein Taxi zur 4 Kilometer entfernten Pension.

Die Pastaparty wird dringend nötig sein. Denn am nächsten Tag heißt es dann 20 + 4 Kilometer bis zum Ende des Langstreckenteils des Hildegardweges.

Verabredung mit Maria

Auf der 7. Etappe des Hildegardweges: Wallfahrtskirche in Spabrücken mit Corona-Weihwasser.Wohlgemut mache ich mich auf den Weg. Heute habe ich eine Verabredung mit Maria, oder besser gesagt drei. Der Hildegardweg läuft in seiner 7. Etappe eine zeitlang parallel mit dem „Drei-Madonnen-Weg“, der mit der „Schwarzen Maria vom Soon“ in der Klosterkirche Maria Himmelfahrt von Spabrücken beginnt. Und so mache ich der ehrwürdigen Dame aus dem 14. Jahrhundert gleich morgens meine Aufwartung.

Tatsächlich sind die Kirchen alle durchgängig geöffnet, seitdem sich der Hildegardweg vom evangelisch geprägten Naheland tiefer in den katholischen Soonwald bewegt. Die Grenze zeigt sich auch recht markant am sprunghaften Anstieg von Kreuzen in Landschaft und Ortschaft.

Die berühmte Madonna, die Spabrücken zum Wallfahrtsort macht, steht im Zentrum des Altarraums der Wallfahrtskirche. Die Original-Figur ist mittlerweile zum Schutz nach dem Babuschka-Prinzip von einer neuen umhüllt.

Steile Lernkurve 

Beginn meiner 7. Etappe.„In der Volksfrömmigkeit gelten schwarze Madonnen als besonders wundertätig“, lerne ich bei der Recherche online. Ich komme aus einer evangelisch geprägten Gegend im östlichen Mittelhessen und stelle mich darauf ein, heute eine steile Lernkurve zu durchlaufen.

Pikanterweise bin ich auf Reisen immer hoch interessiert an Volksfrömmigkeit und Brauchtum der Menschen vor Ort. Zusammen mit meinen deutschsprachigen Gästen freuen wir uns wie Kinder, wenn wir das „Glück“ haben, eine Prozession in Bali zu sehen, ein Spendenritual in Laos oder die Herzenstiefe der Andacht in einem indischen Tempel.

Wer ist Maria?

Madonna von Stalingrad.Wer ist also diese Maria? Hildegard von Bingen hat 21 ihrer 77 Lieder der „Mutter Gottes“ gewidmet. Hildegard benutze dazu „eine breite Anzahl von Metaphern und poetischen Ausdrücken von großer Stärke und Schönheit, die Maria symbolisch als höhere Wirklichkeit beschreiben“, heißt es auf einer der Tafeln am Hildegardweg.

Ich lasse mich ein wenig darauf ein, während ich durch die Weiler Unterhub und Oberhub laufe. Die Landstraßen haben hier keinen Mittelstreifen. Der Weg führt sehr abwechslungsreich durch kleine Waldstücke, über Felder und Wiesen. Der Himmel ist sommerlich heiter. Der Wind der vergangenen Tage bläst weiterhin leicht um die Nase. Schirm-Nutzung ist möglich.

Sperrige Symbolik

Hildegard weist den Weg.Wirklich weit komme ich nicht mit meinen Überlegungen. Es braucht wohl einen Theologen, um die tiefere Symbolik zu übertragen für mein Verständnis. Ich hänge mich immer wieder daran auf, dass es eine unbefleckte Empfängnis sein musste, die das Göttliche (aka Jesus) in diese Welt bringt.

Das Verständnis dahinter, dass der Körper und die menschliche Sexualität per se „befleckt“ sind, erschließt sich mir nicht. Vielleicht finde ich hier ein wenig Unterstützung bei Hildegard: Sie hat in einer ihrer naturkundlichen Abhandlungen erstmals den genauen Ablauf eines weiblichen Orgasmus beschrieben. Fand es anscheinend nicht übermäßig ungehörig.

Vielleicht war das 12. Jahrhundert auch gar nicht so schamhaft wie wir es uns vorstellen. Die Forschung geht davon aus, dass Hildegard ihre detaillierte Kenntnis aus den Erzählungen von weltlichen Frauen erhielt, die zur Behandlung zu ihr kamen…

Abgleich mit östlicher Weisheitstradition

Mein Gehirn versucht mal wieder den Abgleich mit dem, was ich aus Asien mitgebracht habe: Auch in der yogischen Philosophie müssen Körper, Herz und Verstand „rein“ sein, um die „göttlichen“ Energien in ihrer Fülle aufnehmen zu können, will heißen den Horizont um ein paar Dimensionen zu erweitern. Gesunder Geist in gesundem Körper geht auch in diese Richtung.

Durchfahrt verboten für Räder.In den klassischen Yoga-Schriften wird das menschliche System aus Körper, Herz und Verstand mit einem Tongefäß verglichen, das erst im Ofen gebrannt werden muss, damit es das Wasser halten kann. Seit tausenden von Jahren nutzen Yogis daher Meditation, Körper- und Atemübungen, aber auch ethische Lebensregeln und Ernährung, um sich vorzubereiten auf den Empfang von tiefer Einsicht in die Existenz, wahre Weisheit und echte Glückseligkeit.

Das Ziel ist im Grunde, so wie Hildegard viel mehr sehen und hören zu können vom Geheimnis des irdischen Daseins als das Profane und Alltägliche, das ganze Kleine und Enge, in dem sich das menschliche Leben oft abspielt.

Zu einem bewussten Umgang mit Sexualität gibt es im Yoga auch klare Empfehlungen, aber sie ist nicht grundsätzlich „unrein“. Naja, ein ziemlich weiter Bogen. Vielleicht finde ich über diesen Umweg irgendwann den Dreh mit Marias Reinheit. Christliche Theologen mögen mir vergeben!

Glaube, Liebe, Hoffnung

Zweite Madonna.Zurück auf dem Weg geht es zu einer Eremitage mitten im Wald. Stand die erste Madonna in Spabrücken für das Thema „Glaube“, so wird die zweite mit dem Thema „Liebe“ verbunden. An der Wand der kleinen Kapelle hängen Dutzende von rührenden Dankesbekundungen. „Maria hat geholfen.“

Hier erscheint sie mir mehr wie eine buddhistische Bodhisattva. Das ist ein teilweise erleuchteter Mensch auf dem Weg zum Buddha-Status, der andere auf ihrem Weg unterstützt. Aus meinem Verständnis das östliche Äquivalent zu den katholischen Heiligen. Besonders beliebt in ganz Südostasien ist Guan Yin, eine „Göttin der Gnade und Barmherzigkeit“. Die Gläubigen bitten sie um Hilfe für ihre täglichen Sorgen und Nöte.

Maria teilt aus meiner unmaßgeblichen Perspektive nicht nur Geste und Ausdruck der asiatischen Gnadenspenderin, sondern scheint mir auch in ähnlicher Weise verehrt. Der Bedarf, ein Gesicht oder irgendeine Form von Person vor sich zu haben in der Andacht und Einkehr, ist universell. „Das Göttliche“ ist einfach zu abstrakt für das menschliche Gehirn. Da kann ich voll mitgehen.

Madonna von Stalingrad

Madonna von Stalingrad in Schöneberg.Der kleine Madonnen-Weg geht weiter an Waldrändern entlang und führt schließlich querfeldein über Wiesen nach Schöneberg. In der katholischen Kirche des Ortes hängt die „Madonna von Stalingrad“ an der Wand. Sie steht für „Hoffnung“.

Ein Soldat an der russischen Front hat an Weihnachten 1942 die Zeichnung einer Mutter mit Kind angefertigt. Sie entstand in einem deutschen Bunker auf der Rückseite einer russischen Landkarte, heißt es auf einer Infotafel in der Kirche. Ein Schöneberger Pfarrer, der selbst in Stalingrad war, brachte eine Fotokopie der Zeichnung mit und so hängt sie heute hier zum Gedenken.

Aromatischer Wald

Waldweg kurz vor Stromberg.Nach der Kirche spaziert der Hildegardweg am Ortsrand Schönebergs an einer Reihe liebevoll gepflegter Gärten vorbei, bevor er aus dem Ort hinaus steil in den Wald führt. Ein etwas überraschender Anstieg, der die Aufmerksamkeit zügig zurück in den Körper lenkt.

Schmale Wege in einem aromatischen Wald führen zunächst nach Schindeldorf und dort vorbei am Land & Golf-Hotel Stromberg. Die Beschilderung wird etwas unübersichtlich und ich gehe ein paar Extratouren. Der Abgleich mit dem GPS ist mehr als einmal hilfreich, damit die Umwege nicht völlig ausufern.

Die tatsächliche Routenführung leitet die Pilger ganz geschickt durch die grüneren Teile des Ortes und hinter dem Golf-Hotel gleich wieder in den Wald. Vorbei an der Stromberger Klamm geht der Weg schließlich in die Kleinstadt und zu der heiß herbeigesehnten Pizzeria.

Futter sichergestellt – nicht yogisches Menü!

Stromberg.Der Plan geht auf! Schnelles Lunch an den Stehtischen auf dem Platz und Pasta to go zur Vorbereitung der morgigen Langstrecke. Die will ich natürlich nicht auf den 4 Kilometern Fußweg in meine Herberge tragen.

Bus? Nein, das wäre zu einfach. “Mit einmal Umsteigen vielleicht”, sagen die freundlichen Busfahrer, die ich befrage. Einmal Umsteigen auf 4 Kilometern? Mir wird das jetzt zu blöd, ich hab ja tatsächlich noch was vor heute. Der zweite Artikel für die Tageszeitung wartet.

Das Taxi kommt prompt und liefert mich zügig nach 6 Autokilometern im Nachbarort ab. Der Taxifahrer klärt mich gleich auf, dass es durchaus eine (!) günstige Pension in Stromberg gegeben hätte. Ich notiere mir den Namen und kann sie bei direkter Eingabe im Internet auch finden. Begriffe wie „Pension Stromberg“ laufen dagegen weiter ins Leere.

Also digital ist in Deutschland wirklich nicht viel zu wollen. Aber die Gastgeber sind auch hier wieder so entzückend und hilfsbereit, dass ich sie sofort als meine Eltern adoptieren möchte. Ich bekomme Saft zum Rehydrieren und den geliebten grünen Tee zum Vitalisieren. Auf in die nächste Runde!

Auf dem rechten Weg.

 

Bilanz:

  • 19,5 Kilometer auf der offiziellen Etappe (für mich heute nur rund 12)
  • Wunderbarer Wechsel von Feldwegen zwischen den Wiesen, Pfaden durch den Wald und kleinen Straßen in den Ortschaften
  • Kleine Marienandacht auf dem „Drei-Madonnen-Weg“ inklusive

Persönliche Errungenschaften:

  • Vorsichtige Annäherung an Maria
  • Kühne Suche nach der Weltformel
  • Wieder ein warmes Essen im Bauch
  • Füße fragen nach einem echten Pausentag

 

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2 Comments

  • Michaela

    Wieder einmal toll, kurzweilig und informativ mit der Prise Humor und dem Augenzwinkern geschrieben, den ich so mag und der dein eigen ist. Ich habe ein bisschen das Gefühl, dabei zu sein. Danke 😘

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