2. Etappe Spessartbogen: Weiher im Krötengrund.
Spessartbogen

Spessartbogen 2. Etappe: Sommer satt

Die 2. Etappe des Spessartbogens führt durch die Region, in der ich aufgewachsen bin. Ein Heimspiel sozusagen. Doch die Wegführung der Weitwanderung bringt die scheinbar vertraute Gegend in ein völlig neues Licht. Nicht nur, dass sie fernab von Autobahn und Bahnlinie die Schokoladenseiten meiner Heimat zeigt, sie zwingt auch mein Gehirn auf charmante Weise zum Umdenken.

Schmaler Waldpfad zum Start der 2. Etappe des Spessartbogens.Mit einiger Belustigung stellt die weitgereiste Reiseleiterin in mir fest, dass sie noch nie hier “hinten rum” gegangen ist. Will heißen: Nie zuvor bin ich südlich an all diesen Orten vorbeigekommen, deren Namen ich noch aus der Kindheit kenne. Ich bin immer “vorne” gewesen – im Kinzigtal Richtung Gelnhausen.

Der Perspektivwechsel auf dem Spessartbogen entlarvt die Denkweise. Es stellt sich heraus, dass mein “Hinten” für andere ganz schön weit vorne ist.

Zu Fuß unterwegs zu sein, macht so etwas mit einem. “Der Langsame sieht mehr”, sagt der deutsche Schriftsteller Sten Nadolny. Sehr wahr. Und wir haben viel gesehen heute von einer Region, die ich dachte zu kennen.

Perfekter Sommermorgen

Spessartbogen 2. Etappe: Mariengrotte bei HorbachDer Tag beginnt im exquisiten Licht eines perfekten Sommermorgens. Zahlreiche Jogger, Walker und Radler begleiten uns auf den ersten 600 Metern in der Frische des Näßlichgrundes in Horbach. Aus den Wiesen an dem gurgelnden Bächlein steigt um 9 Uhr noch kühle Feuchtigkeit. Die Bäume am Waldrand spenden Schatten und bilden später eine Allee. Es ist ein freundlicher Einstieg in die heute 28 Kilometer lange Etappe.

Bevor die erste von vielen Steigungen des Tages kommt, können die Wanderer noch einmal mentale Kraft tanken in der liebevoll gestalteten Mariengrotte. Ein lebendiger Ort, der – den vielen Opfergaben nach zu urteilen – bis heute seinen Besuchern Trost und Zuversicht spendet. (Mehr zur Geschichte der kleinen Andachtsstelle im Blog zur Spessartfährte in Horbach.)

Magische Lichtspiele im Krötengrund

Über die Kuppe Richtung Horbach.Ein schmaler Pfad führt dann geschwind hinauf auf die Höhe hinter Horbach, wo die Sonne bereits ihre sommerliche Kraft entfaltet und ahnen lässt, was es für ein Tag wird. Gut aufgewärmt geht der Weg jedoch erst wieder zurück in den Wald und in den Krötengrund. Viele Male bin ich hier schon auf der Spessartfährte entlang gewandert, doch am Morgen entfaltet das Lichtspiel an den Weihern des Krötenbachs eine ganz besondere Magie.

Und hinaus geht es wieder auf sommerliche Höhen – ein Wechsel, der den Rest des Tages bestimmen wird und ganz klar den Zauber des Spessartbogens ausmacht.

Spektakulärer Fernblick ins Rhein-Main-Gebiet

Misteln in den Bäumen bei Walrode.Zwischen mächtigen mistel-beladenen Bäumen lernen wir die Geschichte von Waldrode kennen – ein Weiler, der in der Zeit des Nationalsozialismus als eine Gruppe von Erbhöfen angelegt wurde. Die Landwirtschaft auf den kargen Böden sei zunächst hart gewesen, heißt es. Doch bald sei der Ort für seinen Wein bekannt geworden und habe auch Gäste aus dem Rhein-Main-Gebiet angelockt.

Wein aus Waldrode!? Die Einheimische staunt und wundert sich…

Heute wachsen oberhalb des winzigen Ortes je nach Jahreszeit Sonnenblumen, Mais und Lavendel. Und die Aussicht reicht an guten Tagen vom nahen Gelnhausen mit seiner imposanten Marienkirche bis hin zu den Hochhäusern des fernen Frankfurts. (Bilder im Blogbeitrag zur Spessartfährte in Horbach.)

Der Klang des Sommers

Stuhl in freier Natur: Kurze Trinkpause bei Waldrode.In den abgeernteten Getreidefeldern sitzen hunderte oder tausende (?) Grillen und stimmen ihr Sommerkonzert an. Unbekannt für den ungelernten Zuhörer, ob es sich um “Lockgesang, Rivalen- oder Werbegesang” handelt. Für die betroffene Grille sei es jedenfalls ganz schön laut, weiß Wikipedia. Bis zu 100 Dezibel erreichen die Männchen, wenn sie in der Paarungszeit ihre Flügel aneinander reiben, und der Klang sei etwa 50–200 m weit zu hören

Mich transportiert das flirrende Geräusch und der Duft nach Stroh und Heu auf den Feldern einmal mehr zurück in meine Kindheit, wo wir als Kinder den Sommer gern auf  frisch gemähten Wiesen verbracht haben. Das war in der Ära vor der Roggen-, Gräser- und Birkenpollen-Allergie.

Schwelgen im Wald “hinter” den Dörfern

Birkenallee mit Radfahrer bei Waldrode.Eine Birkenallee geleitet uns stimmungsvoll in den Wald “hinter” Großenhausen. Wieder gurgelt ein Bächlein und spielt das Licht im Blätterdach. Die stille Szenerie lädt zum Schwelgen ein. Eine Reiterin kommt uns auf ihrer Runde aus Hof Eich entgegen. Ein Reh grüßt. Am lieblichen Waldrand entlang geht es weiter “hinter” Geislitz bis zur Jugendherberge und zurück in den Wald südlich von Eidengesäß und gleich hoch auf die Breitenborner Höhe.

Leider lässt der Spessartbogen den Kunst- und Kulturweg im Wald rund um Eidengesäß aus. Doch die beachtliche Gesamtdistanz des heutigen Tages erlaubt keinen zweiten Gedanken an eine Extratour. Wir nehmen uns den Ausflug für eines der kommenden Wochenenden vor und bescheiden uns mit einer ersten Rast im kühlen Wald. 11 Kilometer in 2.5 Stunden. Wir kommen gut voran!

Glücksmoment Schmetterlingstümpel

Schmetterlinge an einem Tümpel am Lützelbach.Etwa zur Hälfte der Etappe bringt uns ein stiller Tümpel am Waldrand vor Breitenborn einen waschechten Spessart-Glücksmoment: Weiße und gelbe Schmetterlinge flattern aufgeregt um die Disteln am Ufer des winzigen Weihers. Wilde Blumen wetteifern mit ihnen um die Sonnenstrahlen.

Auf der anderen Seite des Weges plätschert die Lützelbach, bis sich der Blick wieder öffnet in ein Tal mit sanft geschwungenen Hügeln am Horizont. Wir werden  hinausgeführt in die Weite, begleitet vom Mäusebussard entlang von Obstbäumen und über Felder in die Sommerhitze.

Weites Tal bei Lanzingen

Blick über die Ebene Richtung Lanzingen.Selbst hier fern der Alpen erscheinen die gestaffelten Anhöhen in unterschiedlichen Schattierungen von Blau. Dreimal überqueren wir die Lützel bei Lanzingen. Wir streifen das Dorf nur ganz am Rande und bewundern einmal mehr die Wegführung, die es selbst in dieser dicht besiedelten Gegend schafft, ohne Ortskontakt ein Naturerlebnis ans andere zu reihen.

Wir lassen uns noch verzaubern vom schneegleichen Tanz der fluffigen Distelsamen im Tal und dem charmanten Wiegen der Sonnenblumen, bevor es einmal mehr recht steil nach oben geht zurück Richtung Wald und Schatten. Eine kleine Eichenallee empfängt uns gnädig und ein hübscher Blick in das Meer der gelben Sonnenanbeter.

Eine Gruppe Teenager sonnt sich hier oben am Hang. Sommer 2020: Menschenfreie Ecken erscheinen attraktiver denn je.

Freundliche Zottelrinder im Kasselgrund

Jungrinder im Kasselgrund.Vor Biebergemünd-Kassel passieren wir eine Motocross-Strecke und kommen dann erstmals seit dem Morgen am Rand des Ortes an einigen Wohnhäusern vorbei. Schnell geht es jedoch am Waldrand entlang wieder zurück in die Natur, dieses Mal in die bewirtschafteten Auen des Kasselgrundes.

Mittlerweile brutzelt es doch ganz ordentlich auf den freien Flächen. Doch die Landschaft ist schön mit ihren gewundenen Wegen rund um Koppeln, einem natürlichen Springparcours und etwas Schatten in den Bäumen am Ufer des Kasselbachs. Neugierige Jungrinder mit dunklen Zotteln begrüßen uns ganz freundlich.

Die rettende Schorle

Hoher Baum auf dem Weg nach Bad Orb.Der halbe Liter Apfelschorle kommt keine Minute zu früh, als wir nach weiteren Kehren in der Günthersmühle auflaufen. Das Naturfreundehaus, das von April bis September nur an Wochenenden und Feiertagen Gäste empfängt, ist in den hessischen Sommerferien durchgehend geöffnet. Halleluja! Die erste Einkehrmöglichkeit direkt an der Strecke. Umso besser schmeckt es an den kleinen Tischen im schattigen Garten.

Nach der Pause kommt der Anstieg. Es ist ein letzter, aber ein langer. 20 Kilometer stecken uns in den Beinen, und ich stelle fest, dass 22-24 Kilometer anscheinend die aktuelle Wohlfühldistanz meiner rechten Hüfte ist. Es zieht etwas in den unteren Rücken. Aber das Meckern ist nicht sehr laut. Gehweise anpassen, Außenkanten der Füße mehr belasten gegen die latenten X-Beine, Hüfte kippen gegen Hohlkreuz, mehr Spannung im Bauch und weiter geht’s!

Kunst am Spessartbogen, 2. Etappe, 2. Teil

Waldkunst am Spessartbogen: Reise!Eigentlich hatten wir gehofft, dass der Spessartbogen durch das Feuchtbiotop Eschenkar führt, das wir auf einer unserer Sonntagswanderungen unlängst entdeckt hatten. Doch der Weg geht geradeaus in großem Bogen direkt nach Bad Orb. Angesichts der allgemeinen Stimmungslage von Hüften, Füßen und Schultern lassen wir die wunderbar angelegte Moorlandschaft dann doch links liegen. Wer noch Reserven hat, sollte die kleine Detour an dieser Stelle jedoch unbedingt in Erwägung ziehen!

Stattdessen vergnügen wir uns mit dem zweiten Teil der “Kunst am Spessartbogen”. Neueren Datums und daher deutlich besser erkennbar ziehen auch hier wabernde weiße Wellen über die Baumstämme. Vertikal laufende Wörter stimulieren die Fantasie. Ein Gedicht wird es nicht, aber ein hübsches Fotomotiv.

Stetig bergauf zum Ziel

Fahne und Wartturm vor Bad Orb.Der stetige Anstieg auf breiten Waldautobahnen lässt uns danach ganz still werden. Ein Fuß vor den anderen. Mehr muss gerade nicht. Es geht bergauf und dann genauso stetig und steil bergab.

Kurz vor Bad Orb purzeln wir urplötzlich aus dem Wald heraus auf eine Asphaltstraße. Wir könnten direkt geradeaus auf dieser Straße entlang in die Stadt, wo bereits das freundliche Familientaxi wartet. Verführerisch!

Aber wir waren dem Spessartbogen treu, als wir dachten, wir kennen bessere Wege, dann machen wir jetzt auch den letzten Schlenker noch mit.

Ein Aussichtsturm winkt zur Belohnung des Umweges, doch das erste, was wir sehen sind die geschwungenen Ruhemöbel davor. Eine letzte Rast, sind ja nur noch 1.5 Kilometer von hier. Wir werden langsamer.

Aber wat mutt, dat mutt: 80 Stufen später beschließt der famose Ausblick vom Wartturm auf die Kurstadt eine weitere wunderbare Tour durch den Spessart.

Waldrand vor Breitenborn.

 

Bilanz:

  • 28 Kilometer von Horbach nach Bad Orb
  • Happige Distanz mit störrischer Steigung auf gerader Waldautobahn am Schluss
  • Traumhafte Pfade mit reizvoller Abwechslung im Landschaftsbild
  • Rettende Apfelschorle bei Kilometer 20
  • Brutzelnde Hitze und kühlender Schatten in gutem Ausgleich
  • Wieder eine einfach richtig tolle Tour
  • Erkenntnis: Hinten kann auch vorne sein!

Glücksmomente:

  • Liebevoll gestaltete Mariengrotte bei Horbach
  • Magisches Licht im Krötengrund am Morgen
  • Sonnenblumenfelder bei Waldrode und Lanzingen
  • Grillenzirpen zwischen den Feldern auf den Höhen
  • Kindheitserinnerungen vom duftenden Heu
  • Schmetterlingstümpel am Lützelbach
  • Neugierige Jungrinder im Kasselgrund
  • Wald, einfach nur Wald!

 

Bildergalerie zur 2. Etappe auf dem Spessartbogen

 

Weiterführende Links

Übersicht Spessartbogen auf dieser Website:
Spessartbogen: Glücksmoment Weitwandern

Offizielle Beschreibung der Etappe auf der Website des Spessartbogens:
“Spannende Entdeckungen”

 

 

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