Thailand

Eine wahrhaft königliche Trauerfeier

Prunk und Pracht – schon die Wörter klingen irgendwie museal. Doch genau die zwei und vielleicht noch ein paar übertriebene Adjektive dazu – sowas wie “irrsinnig unmodern” oder “überirdisch ehrwürdig und elegant”  – eignen vielleicht am besten, um die jüngste royale Beerdigung im Königreich Thailand zu beschreiben.

8 Monate Vorbereitungen für eine Trauerfeier

Begräbniswagen im Museum

Prinzessin Bejraratana Rajasuda, die Tochter von König Rama VI, ist gestorben. Im Alter von 85 Jahren. Am 27. Juli des vergangenen Jahres schon. In der Zeit bis zu ihrer Trauerfeier mehr als 8 Monate später (!) gibt es viel zu tun: Die königlichen Beerdigungswagen aus dem Jahr 1795 werden poliert, neue Wege asphaltiert, damit die Gefährte auch aus dem Museum gerollt werden können, Sänften werden gereinigt, allerlei Zeremonienzubehör ausgemottet, gigantische Blumenrabatten gepflanzt, eine kindsgroße Urne aus Sandelholz geschnitzt und – ein neues königliches Krematorium gebaut.

Unglaublich aufwändig oder gar verschwenderisch? Ganze 218,1 Millionen Baht (über 5 Millionen Euro) kostet das Event samt Vorbereitungen laut Bangkok Post. Eine Investition aus dem Budget der staatlichen Abteilungen für schöne Künste und für religiöse Angelegenheiten, die offenbar über jeden Zweifel erhaben ist. Kritik höre ich zumindest an keiner Stelle.

Das kunstvollste Krematorium Thailands

"Phra Meru", das königliche Krematorium

In 3 Monaten haben Dutzende von Kunsthandwerkern und Baumeistern auf dem zentralen Platz vor dem Grand Palace einen 35,59 Meter hohen Pavillion erstellt, der selbst aussieht wie ein kleiner Palast. Golden und himmelsstrebend natürlich, grazil und voller Symbolik: Das Bauwerk stellt Mount Meru dar, den Sitz der Götter im hinduistischen Glauben.

Doch das kunstvolle Krematorium ist “nur” das Endziel einer Zeremonie, die sich über viele Stunden erstreckt und bis in den nächsten Tag reicht. Bereits um 7 Uhr am Morgen wird eine Urne mit den sterblichen Überresten der royalen Dame aus dem Grand Palace geholt.

Straßensperrungen für drei Generalproben

Wai über dem Kopf, SOMCHAI POOMLARD, Bangkok Post

Klingt einfach, ist es aber nicht: Jeder Schritt ist nach einem jahrhundertealten Protokoll minutiös durch-choreografiert. Mit den höchst-möglichen Wais (Hände in Betposition weit über dem Kopf) zollen Zeremonienmeister und Garden beim Transfer der Gefäße von Sänfte zu Wagen ihren Respekt – synchron. Eine quäkende orientalische Flöte untermalt den Moment.

Traditionelle Musik, Palace Photo, Bangkok Post

Die Bewegungen dazu sind langsam, geradezu quälend langsam. Die Haupt-Prozession auf einer Strecke von gut 15 Gehminuten (in der Hitze Bangkoks natürlich 25 Minuten) dauert auf diese Weise gut 2 Stunden. Und das wurde geübt: An ganzen drei (nicht aufeinanderfolgenden) Tagen im März wurden die 16 Straßen rund um den Zeremonienplatz Sanam Luang abgesperrt, um das Event Schritt für Schritt zu proben.

6.000 Zeremonienmeister, Garden und Soldaten in den farbigsten Gala-Uniformen sowie eine Reihe von wichtigen Zivilisten begleiten den Zug am Tag der Tage. Im Grunde alles, was Rang und Namen hat im Königreich: Funktionäre aus Politik und Gesellschaft sowie natürlich das gesamte Königshaus, allen voran der Kronprinz und die Prinzessin, die Kinder des aktuellen Königs Rama IX. Premier-Ministerin Yingluck läuft auch mit, verhaspelt sich aber ständig in dem gezwungen langsamen Schritt, lästern Beobachter. Sie hat wohl nicht mitgeübt!

Der König ist da!

His Majesty says goodbye, Palace Photo, Bangkok Post

Doch die eigentliche Sensation kommt gegen 16:30 Uhr: Der König! Der König selbst ist da! Aus dem Krankenhaus, in dem er seit Jahren lebt, hat er sich für die finale Zeremonie in den Krematorien-Pavillion begeben. Im Rollstuhl zwar und mit vielfacher Begleitung, aber er ist da!

Viele Trauergäste warten stundenlang vor der Klinik, um wenigstens einen kurzen Blick auf ihren König erhaschen zu können. Der kranke Monarch zeigt sich nur noch extrem selten in der Öffentlichkeit… Noch am nächsten Tag zeigt meine Kellnerin am Frühstückstisch  ganz aufgeregt auf das entsprechende Titelbild der Bangkok Post. Der König! Der König war da!

Thailand vor den Bildschirmen

Großbildschirme an allen Ecken

Alle haben sie das Event mehr oder weniger ausführlich mitverfolgt. Wenn nicht live am Straßenrand oder am Sanam Luang, dann vor großen öffentlichen Leinwänden oder den heimischen Fernsehbildschirmen.

Das Staats-Kabinett hatte den Tag kurzerhand zum Feiertag erklärt. Tatsächlich reisen sogar Menschen aus weiter entfernten Orten zur Trauerfeier an. Zur Beliebtheit von Prinzessin Bejraratana hat wohl ihr Engagement zu Lebzeiten beigetragen – unter anderem für die thailändischen Pfadfinder, für Grenzpolizei und Militär, aber auch in den Bereichen Bildung und öffentliche Gesundheit.

Trauerfarbe: schwarz oder weiß?

Trauergemeinde - schwarz oder weiß

Auch ich mache mich auf den Weg. Trauerfarben hat das Kabinett verordnet. 3 Tage lang. Wie mögen die aussehen in Thailand? Weiß wie sonst in Asien oder schwarz wie im Westen? 50/50-Chance. Es sollte mich nicht überraschen, aber in Thailand geht wieder einmal alles.

Menschen aus allen Gesellschaftsschichten haben sich zur Zeremonie begeben. Alle schwitzen sie gemeinsam unter der absolut gnadenlosen Sonne. Die fliegenden Händler verkaufen kalte, feuchte Tücher, Matten zum Sitzen auf dem Boden, Fächer und Regenschirme, hier auch besser bekannt unter dem Begriff “Sonnenschirm”. Jeder Zentimeter Schatten ist belegt. Das Rote Kreuz verteilt Riechsalze für die Kollabierenden  und Wattebällchen für die Ohren.

Ohrenbetäubende Kanonensalven

Ohrenbetäubend

Im 3-Minutentakt unterbrechen Salutschüsse aus amtlichen Kanonen die getragene Blasmusik aus den Lautsprechern. Die Kanonen sind ganz sicher ebenfalls aus dem Museum ausgemottet, aber noch mit dem Wumms des letzten Krieges gegen die Burmesen. Auf dem Hauptplatz sind die Explosionen fast nicht auszuhalten. Nur mit Ohrenstopfen lässt sich der Aufenthalt hier verlängern.

Da endlich: Ganz getragenen Schrittes ziehen und bremsen 216 rot gekleidete Garden den könglichen Beerdigungswagen auf den Hauptplatz. Das Gefährt ist atemberaubend. An Schnörkeligkeit und Güldigkeit wirklich nicht mehr zu überbieten. Ein strahlendes Schiff aus einer anderen Welt, eine pompöse Sänfte mit über 20 Tonnen Gewicht, die wie eine Feder über die Straße gleitet. Vorweg ein kleinerer Wagen von gleicher Pracht mit einem “Senior Mönch”, einem Vertreter des “Supreme Patriarch”.

Ein Tag voller Zahlenmystik

Die "Royal Umbrellas"

Es folgen die königlichen Schirme. 5 Etagen stehen einer Prinzessin eigentlich zu (3 einem buddhistischen Patriarchen, 7 dem Kronprinz, 9 allein dem König). Doch da Her Royal Highness so engagiert und beliebt war, erhält sie posthum vom König einen Status-Upgrade zu 7 Etagen.

Voller Zahlenmystik ist die gesamte Zeremonie: Drei Prozessionsteile gibt es, wovon der letzte wiederum aus dem dreimaligen Umrunden des Pavillions besteht. Günstige Daten für Tag und Uhrzeit der gesamten Zeremonie wurden selbstverständlich von Brahmanen im Vorfeld ermittelt. So ist auch die 9 des 9. Juli eine “lucky number”.

Verneigung in tiefem Respekt

Ehrengäste, Palace Photo, Bangkok Post

Reichlich Symbolik dann auch beim großen Finale: Würdenträger und Amtsinhaber aus allen Teilen des Landes legen unter Verbeugungen und Hofknicksen brennende Sandelholzblüten unter die große, reich verzierte Urne. Doch erst nachdem alle ihren Respekt bezeugen konnten, wird gegen 10 Uhr abends die eigentliche Einäscherung vorgenommen – an anderer Stelle im selben Gebäude und wiederum begleitet von König und Königin. Mehrere Dutzend buddhistische Mönche sind bei beiden Zeremonien zugegen.

Am Morgen des nächsten Tages schließlich findet die gesamte Zeremonie ihr Ende: Der Kronprinz verteilt die Asche der königlichen Hoheit eigenhändig auf verschiedene kleinere Urnen. In einer kleinen Prozession reisen die Gefäße dann zurück zum Grand Palace, wo die sterblichen Überreste der Prinzessin endgültig Ruhe und sicher weiteren Respekt finden werden.

Bilder mit besonderer Angabe von der Bangkok Post:
http://www.bangkokpost.com/news/royal-cremation/288154/thousands-pay-last-respects-to-beloved-royal

Microsite der Bangkok Post:
http://www.bangkokpost.com/news/royal-cremation

 

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