Worrier Pose.
Über Yoga

Raus aus dem Kopf! Rein in den Körper.

“Raus aus dem Kopf! Rein in den Körper.” Das ist einer meiner Lieblingssätze zur Eröffnung fast jeder Yoga-Stunde. Was soll das bedeuten?

“Yoga” aus dem indischen Sanskrit heißt sinngemäß übersetzt “Einheit” oder “Vereinigung”. Es kommt von einem Wort, das das Zusammenbinden der Ochsen unter einem Joch (Sanskrit yuga, englisch yoke) bezeichnet.

Tatsächlich geht es also im klassischen Yoga darum, etwas zusammenzubringen: Körper und Geist, Herz und Verstand, Begriffe Deiner Wahl, … Offensichtlich hatten bereits die alten Inder, als sie vor Tausenden von Jahren mit Yoga angefangen haben, Schwierigkeiten, alle Aspekte ihres Wesens in Einklang zu bringen.

In modernen Zeiten ist es sicher nicht einfacher geworden. Im “Hier und Jetzt” leben und Achtsamkeit praktizieren ist vermutlich auch deswegen neuerdings ein echter Trend.

Alles nur Lifestyle-Gefasel?

Was aber heißt es für mich in meiner Praxis? “Raus aus dem Kopf! Rein in den Körper”?
Ist das nur Lifestyle-Gefasel? Um was geht’s?

  • Wirkungsvoller Ausstieg aus dem Gedankenkarussell
  • Mehr Spürsinn und Körpergefühl
  • Neue neuronalen Bahnen im Gehirn kreieren
  • Im wörtlichen Sinne “Runterkommen”
  • Lernen, mit mehr Aufmerksamkeit “bei der Sache” sein
  • Aber gleichzeitig einen gesunden Abstand zum aktuellen Geschehen üben

Die meisten Menschen kennen das mit dem Gedankenkarussell. “Gehirnkirmes” hat es eine Yogalehrer-Kollegin einmal sehr humorvoll genannt. Wir haben einen aktuellen Lieblingsgedanken, das nachträgliche Abspielen einer Situation oder eine sorgenvollen Ausblick auf die Zukunft, der sich andauernd wiederholt.

“Hätte ich doch nur beim Gespräch mit Lieschen Müller noch auf dies und das hingewiesen…” Oder “wie soll das nur werden, wenn…”

Meister in Ablenkung und Betäubung

Gedanken während der Endentspannung.Erstmal kein Problem, wenn wir die permanenten Eingebungen nicht gelegentlich viel zu ernst nehmen würden und dann ewig dran hängenblieben. In diesem zweiten Schritt, der Identifikation mit den oft dysfunktionalen Gedankengebäuden, kann Stress oder Unzufriedenheit entstehen, Unwohlsein, Überforderung oder Kummer, etc.

Die Menschheit hat vielerlei Wege gefunden, um diese teils anstrengenden Schleifen im Kopf zu betäuben: Fernsehen und Social Media, Alkohol und Essen, Sex und Sport. Eigentlich kann man alles benutzen, um zu vergessen, was gerade wirklich los ist. Ganz getreu dem Motto “Ich bin dann mal weg!”

Nichts falsch daran. Aber wenn wir es lange genug wiederholen, verlernen wir tatsächlich da zu sein, also in dem viel zitierten “Hier und Jetzt”, wenn es auch mal schön wäre.

Wenn der Reflex, mit dem gedanklichen Galopp mitzurennen, trainiert ist, können wir auch den Sonnenuntergang, das leckere Essen oder die Zeit mit unseren Liebsten nicht mehr wirklich genießen. Wir sind einfach nie ganz da.

Mit Spürsinn und Körpergefühl

Die Yoga-Praxis bietet eine Gelegenheit, die Umkehrung zu üben. Das Spüren von Körper und Atem als Anker im “Hier und Jetzt” zu nutzen, um nicht in die Vergangenheit (“Was hätte?”) oder die Zukunft (“Was könnte?”) abzudriften.

Die Gedanken können gleichzeitig ihre Show abspielen, aber wir können das Spektakel mit mehr Abstand betrachten. Wir lernen weiter präsent zu sein, für das was jetzt gerade unmittelbar wichtig ist.

Kann eine echte Erleichterung sein. In jedem Fall entspannt es. Kollateral werden auch noch die Gelenke mobilisiert und die Muskeln schön gestreckt. Und wenn’s gut läuft, gibt es hinterher etwas mehr Flexibilität im Innen und Außen. Das heißt dann Gelassenheit. Und die Ruhe, die sich dabei einstellt, könnte man Frieden nennen.

Es ist ein Vorgeschmack auf den Gleichklang, die Vereinigung, die Yoga uns verspricht.

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